Inzwischen hatte ich Gelegenheit näher in den offenen Unterricht einzublicken und mich damit zu beschäftigen. Ich habe mir nun Gedanken gemacht zu den Chancen und Gefahren dieser Art von Unterricht.
Zu den Vorteilen des offenen Unterrichts gehört ganz klar die Individualisierung, was bedeutet, dass jeder Lernende in seinem eigenen Tempo arbeiten kann ohne dass sich starke und schwache Schüler gegenseitig einschränken. So kann jeder entsprechendem seinem Können gefördert werden. Schwach Schüler können sich mehr Zeit für gewisse Inhalte nehmen; starke Schüler haben die Möglichkeit ihr Wissen über den vorgegebenen Standard hinaus zu erweitern. Gerade im Mathematikunterricht erachte ich dies als sehr sinnvoll, da die Leistungen innerhalb einer Klasse oft sehr stark streuen.
Selbstständiges Lernen erfordert die ständige Aufmerksamkeit des Lernenden; es ist nicht möglich, im Unterricht abzuschalten und wegzuhören und Wichtiges dabei zu verpassen. Der offene Unterricht ermöglicht es den Schülern genau dann zu lernen, wenn sie sich fit dafür fühlen und die notwendige Aufmerksamkeit dafür aufbringen können.
Neben dem fachlichen Wissen fördert der offene Unterricht eine Menge überfachlicher Kompetenzen. Um erfolgreich lernen zu können, müssen die Lernenden folgende Kompetenzen mitbringen bzw. erlernen:
- Lesekompetenz zur Erfassung des fachlichen Inhalts (im Mathematikunterricht ist dies eine sehr spezielle Kompetenz, da sie das Lesen und Verstehen der mathematischen Sprache erfordert wie sie z.B in Sätzen und Definitionen verwendet wird)
- Organisationskompetenz zum sinnvollen Zeitmanagement und zur Einteilung des Lernstoffs oder auch zur Beschaffung von Materialien
- Selbstdisziplin und Verantwortung zur Einhaltung des zeitlichen und inhaltlichen Rahmens
- Kooperationskompetenz zum Arbeiten in Lerngruppen
- Kommunikationsfähigkeit, ebenfalls zum Arbeiten in Teams, aber auch um sich Hilfe und Unterstützung zu holen, wenn etwas nicht gut läuft
- Methodenkompetenz um die eigene optimale Lernform zu finden
Diese Kompetenzen sind unerlässliche Voraussetzungen für ein späteres Studium und das Berufsleben.
In einem gut organisierten offenen Unterricht besteht auch nicht die Gefahr, dass jemand völlig untergeht und allein gelassen wird, da die Lehrperson regelmässige Sprech- oder Fragestunden anbietet, so dass man diese bei Schwierigkeiten jederzeit aufsuchen kann. Dort lassen sich sowohl fachliche als auch überfachliche Fragen klären z.B. zu Lernstrategien oder Selbstorganisation, wenn es damit Probleme gibt. Erfahrungsgemäss erscheinen in solchen Lektionen nicht allzu viele Schüler, so das genügend Zeit fur individuelle Beratung bleibt.
Eine wesentliche Gefahr des offenen Unterrichts besteht darin, dass tatsächlich einzelne Schüler auf der Strecke bleiben und dies eine Weile unentdeckt bleibt. Durch die freiwillige Präsenz kann es sein, dass man bestimmte Schüler nie zu Gesicht bekommt und erst in der Prüfung merkt, dass sie nicht erfolgreich gelernt haben. Es fehlt so ein wesentlicher Teil der Kommunikation, die sonst täglich im Klassenzimmer stattfindet. Schwierig wird es vor allem dann, wenn ein Schüler die notwendigen Kompetenzen noch nicht erworben hat und sich beispielsweise nicht meldet, wenn er Probleme hat. Selbstverständlich könnte man auch über andere Wege wie z.B Email nachfragen; jedoch ist es auch nicht Sinn der Sache, jedem hinterherzulaufen.
Selbstverständlich bietet der offene Unterricht minimalistisch veranlagten Schülern jede Menge Raum und es ist gut möglich, sich durchzumogeln. Da diese Möglichkeit jedoch in jeder Unterrichtsform gegeben ist, möchte ich dies nicht als besondere Gefahr des offenen Unterrichts aufführen.
Hallo Nadja,
ich finde deinen Artikel sehr interessant. Insbesondere die Ausführungen über die Selbständigkeit der Schüler. Hier kann man sehr gut erkennen, dass die im BP Modul erworbenen Kompetenzen im Bereich Coaching auch im Unterrricht an der Sekundarstufe II greifen können. Wenn sich die Lehrperson nicht mehr als reinen Stoffvermittler, sondern als Lernbegleiter sieht, kann sich das durchaus positiv auf die Lernmotivation der Schüler auswirken und Kompetenzen im Bereich selbstreguliertes Lernen und im sozialen Bereich fördern.
So long, let’s have fun
Klaus
Von: paulemeyer am Juni 11, 2009
um 3:04 pm