Ich absolviere mein zweites Erfahrungspraktikum an der Kantonsschule Romanshorn. Dort habe ich die Gelegenheit dem Schulversuch “Offener Unterricht” beizuwohnen und auch zu unterrichten.
Betroffen davon sind Dritt- und Viertkl\”assler. Offener Unterricht ist ein p\”adagogisches Konzept zur Umsetzung individualisierten Lernens. Konkret bedeutet dies, dass die Lernenden sich den Lernstoff komplett selbstst\”andig aneignen und die Anwesenheit im Unterricht freiwillig ist. Die Lehrperson kann jedoch auch nach Bedarf obligatorische Lektionen einplanen.\\
Dieses Konzept erm\”oglicht den Lernenden sich zeitlich und r\”aumlich selbst zu organisieren und auch Kooperationen mit anderen zu schliessen. Ebenso sind sie frei in der Methoden- und Medienwahl sowie der Schwerpunktsetzung. Zu den \”ublichen Formen des offenen Unterrichts geh\”oren Freiarbeit, Projektunterricht, entdeckendes Lernen, forschendes Lernen und selbstbestimmtes Lernen.\begin{center} \includegraphics[width=6cm]{kreislauf.jpg}\end{center}
Ein erfolgreicher offener Unterricht setzt nat\”urlich eine sorgf\”altige Planung durch die Lehrkraft voraus. Dazu geh\”oren die Bereitstellung geeigneten Materials und ein Wochen- oder Monatsplan, der die Lerneinheiten sinnvoll einteilt und den Lernenden einen zeitlichen und inhaltlichen Rahmen vorgibt. Idealerweise ist das Material so gestaltet, dass es sich f\”ur verschiedene Lernformen (siehe oben) eignet. Denkbar sind auch Varianten wie Stationenlernen oder Werkstattlernen.
\subsection{Chancen und Gefahren}
Zu den Vorteilen des offenen Unterrichts geh\”ort ganz klar die Individualisierung, was bedeutet, dass jeder Lernende in seinem eigenen Tempo arbeiten kann ohne dass sich starke und schwache Sch\”uler gegenseitig einschr\”anken. So kann jeder entsprechendem seinem K\”onnen gef\”ordert werden. Schwach Sch\”uler k\”onnen sich mehr Zeit f\”ur gewisse Inhalte nehmen; starke Sch\”uler haben die M\”oglichkeit ihr Wissen \”uber den vorgegebenen Standard hinaus zu erweitern. Gerade im Mathematikunterricht erachte ich dies als sehr sinnvoll, da die Leistungen innerhalb einer Klasse oft sehr stark streuen.\\
Selbstst\”andiges Lernen erfordert die st\”andige Aufmerksamkeit des Lernenden; es ist nicht m\”oglich, im Unterricht abzuschalten und wegzuh\”oren und Wichtiges dabei zu verpassen. Der offene Unterricht erm\”oglicht es den Sch\”ulern genau dann zu lernen, wenn sie sich fit daf\”ur f\”uhlen und die notwendige Aufmerksamkeit daf\”uf aufbringen k\”onnen.\\
Neben dem fachlichen Wissen f\”ordert der offene Unterricht eine Menge \”uberfachlicher Kompetenzen. Um erfolgreich lernen zu k\”onnen, m\”ussen die Lernenden folgende Kompetenzen mitbringen bzw. erlernen: \begin{itemize}
\item Lesekompetenz zur Erfassung des fachlichen Inhalts (im Mathematikunterricht ist dies eine sehr spezielle Kompetenz, da sie das Lesen und Verstehen der mathematischen Sprache erfordert wie sie z.B in S\”atzen und Definitionen verwendet wird)
\item Organisationskompetenz zum sinnvollen Zeitmanagement und zur Einteilung des Lernstoffs oder auch zur Beschaffung von Materialien
\item Selbstdisziplin und Verantwortung zur Einhaltung des zeitlichen und inhaltlichen Rahmens
\item Kooperationskompetenz zum Arbeiten in Lerngruppen
\item Kommunikationsf\”ahigkeit, ebenfalls zum Arbeiten in Teams, aber auch um sich Hilfe und Unterst\”utzung zu holen, wenn etwas nicht gut l\”auft
\item Methodenkompetenz um die eigene optimale Lernform zu finden
\end{itemize}
Diese Kompetenzen sind unerl\”assliche Voraussetzungen f\”ur ein sp\”ateres Studium und das Berufsleben.\\
In einem gut organisierten offenen Unterricht besteht auch nicht die Gefahr, dass jemand v\”ollig untergeht und allein gelassen wird, da die Lehrperson regelm\”assige Sprech- oder Fragestunden anbietet, so dass man diese bei Schwierigkeiten jederzeit aufsuchen kann. Dort lassen sich sowohl fachliche als auch \”uberfachliche Fragen kl\”aren z.B. zu Lernstrategien oder Selbstorganisation, wenn es damit Probleme gibt. Erfahrungsgem\”ass erscheinen in solchen Lektionen nicht allzu viele Sch\”uler, so das gen\”ugend Zeit f\”ur individuelle Beratung bleibt. \medskip\\
Eine wesentliche Gefahr des offenen Unterrichts besteht darin, dass tats\”achlich einzelne Sch\”uler auf der Strecke bleiben und dies eine Weile unentdeckt bleibt. Durch die freiwillige Pr\”asenz kann es sein, dass man bestimmte Sch\”uler nie zu Gesicht bekommt und erst in der Pr\”ufung merkt, dass sie nicht erfolgreich gelernt haben. Es fehlt so ein wesentlicher Teil der Kommunikation, die sonst t\”aglich im Klassenzimmer stattfindet. Schwierig wird es vor allem dann, wenn ein Sch\”uler die notwendigen Kompetenzen noch nicht erworben hat und sich beispielsweise nicht meldet, wenn er Probleme hat. Selbstverst\”andlich k\”onnte man auch \”uber andere Wege wie z.B Email nachfragen; jedoch ist es auch nicht Sinn der Sache, jedem hinterherzulaufen.\\
Selbstverst\”andlich bietet der offene Unterricht minimalistisch veranlagten Sch\”ulern jede Menge Raum und es ist gut m\”oglich, sich \glqq durchzumogeln\grqq. Da diese M\”oglichkeit jedoch in jeder Unterrichtsform gegeben ist, m\”ochte ich dies nicht als besondere Gefahr des offenen Unterrichts auff\”uhren.
\subsection{Umsetzung und Erfahrung im Praktikum}
Im Praktikum konnte ich erste Erfahrungen mit offenem Unterricht sammeln. Dieser wurde wie geplant und druchgef\”uhrt wie in Kapitel 1.1 und 1.2 beschrieben.\\
Die Eindr\”ucke, die ich dabei gewann, waren im Grossen und Ganzen positiv.\\ Leider war die Zeit zu kurz, um noch eine Pr\”ufung mitzubekommen, an der man zumindest teilweise h\”atte sehen k\”onnen, wie erfolgreich das Ganze war. Ich denke, eine insgesamte Erfolgsbeurteilung ist nur \”uber einen grossen Zeitraum m\”oglich, da eine neue Unterrichtsstruktur auch eine gewissen Anlaufphase braucht und eventuell erworbene \”uberfachliche Kompetenzen sich nur schwer messen und beurteilen lassen. Hierbei ist man auch stark auf das Selbstbeurteilungsverm\”ogen der Lernenden angewiesen.\\
Ein wenig schade fand ich, dass ich meist nur sehr wenige Sch\”uler zu Gesicht bekam und in manchen Lektionen gar niemanden, aber das liegt wohl in der Natur der Sache. Dennoch hatte ich Gelegenheit mit einigen \”uber ihre Erfahrungen und Eindr\”ucke des offenen Unterrichts zu sprechen. Alle von ihnen waren sich einig, dass dies eine sehr gute Unterrichtsform sei und sie wussten die freie Zeiteinteilung und das Arbeiten im eigenen Tempo zu sch\”atzen. Da mir oft aufgefallen war, dass die meisten weit hinter dem von der Lehrkraft vorgeschlagenen Zeitplan lagen, stellte ich ihnen die Frage, wie sie es handhabten, dennoch bis zur Pr\”ufung mit dem Stoff durchzukommen und wie sie mit dem damit verbundenen Stress und schlechten Gewissen umgingen. Als Antwort bekam ich, dass das gar nicht so ein grossen Stress darstellte und sie gar nicht so ein schlechtes Gewissen hatten. In diesen Gespr\”achen wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass der offene Unterricht von diesem Aspekt aus gesehen eigentlich gar nicht so viel anders ist als Pr\”asenzunterricht. Denn aus meiner Erfahrung weiss ich, dass selbst wenn Sch\”uler im Unterricht anwesend sind, der Lernstoff trotzdem an ihnen vorbeiziehen kann ohne dass sie viel davon mitkriegen, wenn sie es nicht wollen. Sie lernen dann auch einfach alles kompakt kurz vor der Pr\”ufung. Ebenso gibt es diejenigen, die immer bei der Sache und auf dem Laufenden sind. Im offenen Unterricht sind es dann diejenigen, die sich eben zeitgem\”ass an den Plan halten, weil das eben ihrer Arbeitsweise entspricht. Ich denke, Sch\”uler sind im Allgemeinen sehr gut darin, ihre individuelle Arbeitsweise effizient zu nutzen, sei es auch, alles kurz vor der Pr\”ufung zu lernen. \\
Erstaunt hat mich sehr, dass sich die Lernenden in Romanshorn ihrer Selbstverantwortung komplett bewusst waren. Es gab keine Klagen dar\”uber, dass zu viel von ihnen verlangt wurde oder Schuldzuweisungen an den Lehrer. Ihnen war v\”ollig klar, dass wenn sie schlechte Noten geschrieben hatten, es daran lag, dass sie falsch oder zu wenig gelernt hatten. Als Konsequenz strengten sie sich beim n\”achsten Thema wieder mehr an. Dies hat mich sehr beeindruckt und ich denke, dass es genau das braucht um den offenen Unterricht und auch sp\”ater ein Studium erfolgreich zu absolvieren. \\
Einen ebenso positiven Eindruck bekam ich von der Selbstst\”andigkeit beim Erarbeiten neuen Stoffs. Es kam nie vor, dass Sch\”uler kamen und sich aus Bequemlichkeit einfach alles von mir erkl\”aren liessen, sondern sie machten sich wirklich v\”ollig selbstst\”andig an die Arbeit, so dass man teilweise als Lehrperson sogar das Gef\”uhl hatte \”uberfl\”ussig zu sein. Die Fragen, die gestellt wurden, waren alle sehr gezielt und ich konnte sehen, dass sie sich davor wirklich schon mit der Materie auseinandergesetzt hatten.\\ Dies hat mich dazu ermutigt, auch von meinen eigenen Sch\”ulern, von denen ich eine solche Arbeitsweise nur vereinzelt gewohnt bin, etwas mehr Selbstst\”andigkeit und Durchhalteverm\”ogen zu verlangen. Eine Frage, die ich mir \”ofters stelle, ist: Wie kann man jemandem selbstst\”andiges Lernen beibringen? Deshalb interessierte ich mich auch daf\”ur, wie der offene Unterricht in Romanshorn zu Beginn der dritten Klassen eingef\”uhrt wird. Laut Auskunft des Fachlehrers und der Sch\”uler steigt man einfach unvermittelt ein. Das f\”uhrt nat\”urlich dazu, dass einige erstmal ins kalte Wasser geworfen werden und dann schwimmen lernen m\”ussen. Die betroffenen Sch\”uler sahen das aber weniger dramatisch als es klingt. Sie meinten, man lerne recht schnell, eine f\”ur sich passende Strategie zu finden um nach einiger Zeit damit klar zu kommen. Auch darauf basierende schlechte Pr\”ufungen sahen die Sch\”uler als nicht allzu schlimm an, da man sie auch wieder ausgleichen kann.\\
Eine \”ahnliche Situation finde ich bei meinen Kunst- und Sportklassen an der PMS vor. Diese Sch\”uler haben reduzierten Pr\”asenzunterricht und einen grossen Teil Selbststudium, um mehr Zeit f\”ur ihr Instrument oder ihren Sport zu haben. Dies beginnt bereits in der ersten Klasse, nachdem sie direkt aus dem gewohnten Regelunterricht der Sekundarschule kommen. Ich denke, dies ist nochmal eine besondere Herausforderung, da sie neu an eine Mittelschule kommen und sich sowieso erst einmal zurechtfinden m\”ussen. Auch hier habe ich die Erfahrung gemacht, dass einige mit dieser Situation sehr schnell und gut klarkommen, w\”ahrend andere erst einmal stark \”uberfordert sind. Nach und nach arrangieren sich jedoch die meisten recht gut mit der Situation. Viele von denjenigen, die w\”ahrend der ganzen Schulzeit Probleme mit bestimmten F\”achern haben, h\”atten diese vermutlich auch im Pr\”asenzunterricht. Langfristig unterscheiden sich die Durschnitte der Kunst- und Sportklassen nicht grossartig von denen der Normalklassen, jedoch kann man tats\”achlich gr\”ossere Selbstst\”andigkeit feststellen ohne dass man explizit etwas daf\”ur getan hat, es ihnen beizubringen. Dies ist nat\”urlich ganz im konstruktivistischen Sinne, dass die Sch\”uler dies selbst herausfinden, wie sie am besten arbeiten k\”onnen. Dies ist ohnehin schwer m\”oglich zu lehren, da Lernen doch sehr individuell geschieht. Jedoch denke ich, dass man als Lehrperson m\”oglichst viele Methoden und Strategien kennen sollte um, vor allem Sch\”uler mit Schwierigkeiten kompetent beraten zu k\”onnen.\\
Ich habe daraus gelernt, dass ich wohl nicht mehr so ein schlechtes Gewissen haben muss, wenn ich von meinen Klassen wieder einmal h\”oren muss \glqq Keiner kapiert was! Sie m\”ussen etwas machen und vor allem die Pr\”ufung verschieben!\grqq, sondern ruhig ein wenig mehr Selbstst\”andigkeit von ihnen erwarten kann. \\
Was ich nach meinen Erfahrungen in Romanshorn verbessern w\”urde ist die Bereitstellung von Informationen und Material. Zwar wird das Skript verteilt und der Plan auf das interne Informationssystem im Internet gestellt; jedoch klagten viele Sch\”uler dar\”uber, dass dies sehr un\”ubersichtlich sei, weil zu viele Informationen dort aufeinanderprallten und es dadurch un\”ubersichtlich wurde. Dies f\”uhrte dazu, dass einzelne nie einen Blick auf den Arbeitsplan warfen und entsprechend hintendran waren. Ich denke, eine elektronische Lernplattform w\”are besser, wo wirklich z.B. jedes Fach einen eigenen Ordner hat. Dort k\”onnen s\”amtliche Materialien bereitgestellt werden, so dass die Sch\”uler jederzeit Zugriff darauf haben. Auch Zusatzmaterialien (zus\”atzliche \”Ubungen, Links, weiterf\”uhrende Literatur etc.) k\”onnen dort platziert werden, so dass die Sch\”uler nicht nur auf das Skript beschr\”ankt sind. Denkbar w\”are sogar ein Forum, wo sich die Sch\”uler fachlich austauschen k\”onnen, wenn sie sich nicht in der Schule treffen. Auch kann man die Sch\”uler dort mit aktuellen Informationen versorgen ohne dass diese zwischen anderen untergehen. F\”ur den Arbeitsplan w\”are ein elektronisches Klassenbuch ideal, da auch dies von schnell von \”uberall eingesehen werden kann und \”Anderungen leicht anzubringen sind. Selbstverst\”andlich liegt es dann auch an den Lernenden, diese Informationsquellen entsprechend zu nutzen.\bigskip\\
Aus diesen Erfahrungen nehme ich mit, dass ich Sch\”ulern insgesamt mehr Selbstst\”andigkeit zutrauen kann und auch mehr darauf vertrauen kann, dass es m\”oglich ist, auch schwierigere mathematische Inhalte selbstst\”andig zu erarbeiten. Weiter verbessern m\”ochte ich mich noch bei der Erstellung von l\”angerfristigen Arbeitspl\”anen, da mir das teilweise noch schwer f\”allt so weit im Voraus zu planen bzw. ich das nicht so gern mache.
Betroffen davon sind Dritt- und Viertklässler. Offener Unterricht ist ein pädagogisches Konzept zur Umsetzung individualisierten Lernens. Konkret bedeutet dies, dass die Lernenden sich den Lernstoff komplett selbstständig aneignen und die Anwesenheit im Unterricht freiwillig ist. Die Lehrperson kann jedoch auch nach Bedarf obligatorische Lektionen einplanen.
Dieses Konzept ermöglicht den Lernenden sich zeitlich und räumlich selbst zu organisieren und auch Kooperationen mit anderen zu schliessen. Ebenso sind sie frei in der Methoden- und Medienwahl sowie der Schwerpunktsetzung. Zu den üblichen Formen des offenen Unterrichts gehören Freiarbeit, Projektunterricht, entdeckendes Lernen, forschendes Lernen und selbstbestimmtes Lernen.

Ein erfolgreicher offener Unterricht setzt natürlich eine sorgfältige Planung durch die Lehrkraft voraus. Dazu gehören die Bereitstellung geeigneten Materials und ein Wochen- oder Monatsplan, der die Lerneinheiten sinnvoll einteilt und den Lernenden einen zeitlichen und inhaltlichen Rahmen vorgibt. Idealerweise ist das Material so gestaltet, dass es sich für verschiedene Lernformen (siehe oben) eignet. Denkbar sind auch Varianten wie Stationenlernen oder Werkstattlernen.